|
Homepage Kirche Intern |
Seit vor genau hundert Jahren, im Mai 1898, der Rechtsanwalt Secondo Pia das Negativbild eines Gekreuzigten aus dem geheimnisumwitterten Turiner Grabtuch hervorlockte, schlägt die Diskussion über das derzeit ausgestellte Linnen immer wieder hohe Wellen.
Von Rudolf Schermann
Anständige Presseprodukte mit dem Finger am Puls der Zeit brauchen zu Ostern eine Osterstory, zu Weihnachten eine Weihnachtsstory.
Demgemäß kommen sie zu den genannten Zeiten auf eine ansonsten recht selten in Erscheinung tretende, aus dem Bewußtsein der Menschheit aber auch nicht wegradierbare Persönlichkeit namens "Gott" zu sprechen. Während der "Spiegel" diesmal auf den fernöstlichen Buddhismus auswich, wartete der Münchner "Focus", mit beiden Ohren dicht am Grab Jesu, gleich mit den Eckdaten des Heilands auf: "Jesus war 1,81 Meter groß, wog 80 kg und hatte Blutgruppe AB". Nicht genug: Das Blatt servierte dazu gleich auch das erste Foto Jesu Christi. Besondere Kennzeichen: ausgeprägte Backenknochen.
Das alles ist durchaus ernster gemeint, als es klingen mag, wenn - ja wenn die Dank Weltraumtechnik inzwischen bereits dreidimensional computerisierte Vorlage stimmt: Wenn das mysteriöse Leichentuch von Turin, das vom 18. April bis zum 14. Juni dieses Jahres im Dom von Turin zur Besichtigung freigegeben ist, tatsächlich den Leib Christi bedeckt hat. Viele glauben, daß das Leichentuch, das am 24. Mai auch den ranghöchsten Pilger der Christenheit, Papst Johannes Paul II. in die Fiat-Stadt bringt, echt ist. Der Andrang ist groß, die Telefonnummer der Anmeldezentrale, (0039) 167/32 93 29, permanent überlastet. Mittlerweile kann man auch ohne Voranmeldung, an Ort und Stelle, Einlaßkarten bekommen. Bis Ostern gab es 600.000 Interessenten, die Zahl hat inzwischen längst die Millionengrenze überschritten. Die Veranstalter erhoffen durch solcherart strenge Maßnahmen den Besucherstrom unter Kontrolle zu halten. Jeder Besucher muß mit insgesamt einer Stunde Zeitaufwand rechnen, um das 4,36 Meter lange und 1,09 Meter breite Grabtuch ca. eine Minute lang in Augenmerk nehmen zu können. Giuseppe De Maria, Vorsitzender der örtlichen Vereinigung der Gewerbetreibenden versprach dem Erzbischof von Turin, Kardinal Giovanni Saldarini, dafür zu sorgen, daß das Umfeld der Kathedrale, trotz kauflustiger Pilger, nicht in einen Bazar verwandelt werde.
Geheimnisvoller Abdruck
Kein Zweifel: Das Grabtuch, beschäftigt inzwischen weit über den Kreis einer religiös interessierten Klientel hinaus Wissenschaftler aus allen möglichen weltanschaulichen Lagern, entspricht es doch mit beinahe gespenstischer Exaktheit den Beschreibungen der Evangelien.
Die wissenschaftliche Untersuchung des Tuches begann vor genau hundert Jahren. Damals machte das Foto des italienischen Rechtsanwaltes Secondo Pia Furore: Es ließ zum erstenmal das Negativbild eines gekreuzigten Toten auf dem Leinen sichtbar werden. 1931 wiederholte der Fotograf Giuseppe Enrie die Prozedur. Seither steht es fest: Es handelt sich um keine Malerei. Entsprechende Versuche, das Gegenteil zu beweisen, verliefen im Sand.
Wie das Negativ entstand, ist bis heute ein Rätsel. Manche Wissenschaftler sprechen von einem ähnlichen Vorgang wie er auch bei der Atombombenexplosion in Hiroshima zu beobachten war. Unter der ungeheuren Energientladung hatten sich Gegenstände wie photographische Abdrucke auf Mauerwänden eingebrannt. Hatte die göttliche Energientladung unmittelbar vor der Auferstehung das geheimnisvolle Negativbild verursacht?
Skeptiker schütteln den Kopf. Experte Luigi Gonella präzisiert: "Es sieht so aus, ich betone: es sieht so aus, als hätte eine unbekannte Strahlung stattgefunden. Eine Strahlung, die aber vollkommen andersartig ist, als jene, die durch die Atombombenexplosion in Hiroshima bewirkt wurde. Amerikanische Wissenschaftler haben nachgewiesen, daß es keinerlei materielle Restspuren auf dem Leinen gibt, weder Spuren von Farbe, noch Aloe oder Myrrhe."
Kriminaltechnische und sonstige Untersuchungen beweisen mit Sicherheit,
* daß das Leinen aus Palästina stammt. Untersuchungen weisen auf dem Tuch Pollenspuren von Sträuchern auf, die nur in jener Region beheimatet sind;
* daß es sich um das Totentuch eines Mannes handelt, der vorher gegeißelt und mit einer Dornenkrone gekrönt worden ist. Die Spuren der mit unzähligen kleinen Bleikugeln versehenen Peitschen sind auf dem Leinen ebenso nachweisbar wie die Spuren des Dornengeflechts;
* daß der Leichnam, wie in den Evangelien beschrieben, eine von einem Lanzenstich herstammende Seitenwunde aufweist.
Fragen über Fragen
Die Skepsis bleibt. Beispiel: Ray Rogers, Mitglied des Laborstaffs der Atombomben-Versuchsanstalt im texanischen Los Alamos. Seine Aufgabe: Die chemische Analyse der bei Nuklearexplosionen entstehenden Rückstände. Rogers, der Herkunft nach Protestant, ein Skeptiker, der zugibt, nur seinen Instrumenten zu glauben, ging wie viele andere auch nach Turin, um der Sache mit dem Leinen auf den Grund zu gehen: "Ich glaubte, etwas Falsches entdecken zu können, das sich mit Leichtigkeit entlarven läßt. Aber ich verließ Turin in höchstem Maße verunsichert. Unsere Instrumente erbrachten nicht den erhofften Erfolg. Wenn das Leichentuch ein Gemälde wäre, hätten sich die Farben nach dem Feuer im Jahr 1532 verändert. Vor allem aber bewegt mich die Frage, weshalb das Bild niemals das ganze Leinen durchdrang, sondern sich nur auf der Oberfläche befindet? Wieso blieb unter den Blutstropfen das Gesicht unversehrt? Wieso ist die Farbe der Blutflecken karmesinrot und warum weisen diese Flecken einen Hof auf?"
Mit den Blutspuren beschäftigte sich auch der amerikanische Wissenschaftler Alan Adler. Adler, ein Physiker und Chemiker jüdischer Herkunft, nahm im vergangenen Jahr an einem von der Italgas gesponserten Kongreß in Turin teil. Dabei meinte er, die karmesinrote Färbung des Blutes deute darauf hin, daß es sich um einen Mann handelt, dessen Wunden, als er in das Tuch gewickelt wurde, bereits von gestocktem Blut bedeckt waren. "Es handelt sich nicht nur um gestocktes Blut, sondern um das Blut eines Mannes, der sehr viel gelitten hat, bevor er starb. Ultraviolette Aufnahmen weisen eindeutig Höfe von Blutwasser innerhalb der Blutflecken auf." Vorausgesetzt, das Turiner Tuch ist tatsächlich das Leichentuch Christi, wofür vieles spricht, würde dies die (freilich durch nichts beweisbare) Theorie jener Skeptiker aus den Angeln heben, die meinen, Jesus sei nicht gestorben, sondern nur ohnmächtig geworden, sein Blut habe auch im Grab zirkuliert, seine "Auferstehung" sei somit lediglich ein Erwachen aus der Ohnmacht gewesen.
Eine Kriminalstory
Nicht nur die detektivische Kleinarbeit am Leinen selbst, auch seine Herkunft gleicht einer veritablen Kriminalstory. "Ab Mitte des 14. Jahrhunderts haben wir sichere Aufzeichnungen über den Weg des Turiner Grabtuches. Für die Zeit vorher gibt es nur Hypothesen", sagt Gian Maria Zaccone, Vizedirektor des Internationalen Zentrums für die Erforschung des Linnens. Das Tuch taucht zuerst 1355 in Lirey, Frankreich auf. Es befindet sich zu dieser Zeit im Besitz des französischen Edelmannes Goffredo de Charny. 1453 geht es ins Eigentum des Hauses Savoyen über und wird ab 1506 in der Sainte-Chapelle von Chambéry verwahrt. Eine Feuersbrunst in der Nacht zum 4. Dezember 1532 beschädigt das Tuch, glücklicherweise nur geringfügig. Zwar versuchen beherzte Klarissinnen, die Schäden sorgsam auszubessern, die Spuren des Feuers sind jedoch bis heute sichtbar.
1578 bringt Emanuele Filiberto di Savoia das Grabtuch nach Turin, wo es sich seither befindet und von Zeit zu Zeit immer wieder ausgestellt wird. Seit 1964 dient die vom Architekten Guarino Guarini zwischen dem Dom und dem Königspalast errichtete Kapelle als Aufbewahrungsort des Leinens. Weltweites Aufsehen erregte eine neuerliche Brandgefahr, die in der Nacht vom 11. zum 12. April des Vorjahres Teile der neuen Kapelle verwüstet hatte. Doch, das Grabtuch konnte beizeiten entfernt werden und erlitt somit keinen Schaden. Die Wiederherstellung der Kapelle wird laut Pasquale Malara, oberster Denkmalschützer der Provinz Piemont, immerhin noch fünf Jahre in Anspruch nehmen.
Spuren des Grabtuchs finden sich freilich auch vor dem 14. Jahrhundert. Nach einem Bericht von Robert de Clary, eines Teilnehmers am 4. Kreuzzug, wurde 1203/1204 in einer Kirche in Konstantinopel ein Tuch verehrt, das den vollen Körperabdruck von Jesus zeigte. Schon vorher war (im 4./5. Jahrhundert) im nahen Edessa, heute Urfa in der Türkei, ein Tuch mit den Gesichtszügen Jesu bekannt, das sogenannte Mandilion. Der Gesichtsabdruck sei von Jesus selber an König Abgar gesandt worden, der vergeblich um den Besuch Jesu angesucht hätte.
Anhaltend in die Schlagzeilen geriet das mysteriöse Leinen 1978, als amerikanische Wissenschaftler den Plan vortrugen, das Alter des Tuches mit Hilfe der Carbon 14-Methode zu bestimmen. Die Methode fußt auf der Beobachtung, daß in allen organischen Substanzen eine minimale Menge von Carbon 14 vorhanden ist. Mit dem Ableben eines Individuums, einer Pflanze oder eines Tieres, wird der Zyklus des Carbon und auch des C 14 unterbrochen. Da sich das C 14 in einer bestimmten Zeit abbaut, kann man aus den vorhandenen Atomen auf das Alter des zu untersuchenden Objekts schließen. Der damalige Erzbischof von Turin, Kardinal Ballestrero, stimmte dem Experiment zu, mit der Bedingung, daß nicht allzu große Stücke von dem Leinen abgeschnitten werden. Als Leiter des Experiments wurde der amerikanische Physiker Henry Gove ausgewählt, der auf dem Gebiet solcher Untersuchungen mit großer Erfahrung aufwarten konnte. Am 21. April 1988 hatte der Techniker des STURP (Shroud of Turin Research Project), Giovanni Riggi di Numana, kleinste Stoffreste aus dem Grabtuch geschnitten und sie den Vertretern der ausgesuchten Laboratorien von Oxford, Tucson (Arizona) und Zürich überreicht. Der Direktor des British Museum, Michael Tite, der die Aktion beaufsichtigte, forderte zusätzlich drei Stoffreste aus verschiedenen eindeutig festgestellten Epochen an, um Vergleiche anstellen zu können.
Was geschah mit den Stoffresten?
Sowohl Franco Testore, Professor für Textiltechnik am Polytechnikum von Turin als auch Professor Guy Vial, Direktor des Textilmuseums in Lyon, beaufsichtigten die Stoffentnahme und achteten darauf, daß diese keine späteren mittelalterlichen Überlagerungen aufwiesen. Auch Monsignore Renato Dardozzi, Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, bestätigte die Korrektheit des Vorgangs.
Bis heute ist nicht geklärt, was genau mit den entnommenen Stoffresten geschah. Auffallend waren lediglich der Eifer und die Indiskretionen rund um die durchgeführten Tests. Bevor Kardinal Ballestrero das Ergebnis erfuhr, stand es schon in der Presse: Das Grabtuch sei frühestens 1260 und spätestens 1390 entstanden. Das ernüchternde Ergebnis wurde 1989 in der angesehenen amerikanischen Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlicht. Der Kardinal reagierte auf die Eröffnungen der Wissenschaftler mit Gelassenheit.
Weitere Untersuchungen
Andere Wissenschaftler wie der Botaniker Silvano Scanneri oder der Schweizer Kriminologe Frei ließen sich vom Ergebnis des C 14-Tests nicht beirren und fuhren mit ihren Untersuchungen fort. 1993 berichtete eine Gruppe von Biologen der Universität von San Antonio, Texas, über eine interessante Entdeckung. Bei Untersuchungen von Majafunden entdeckten sie Mikroorganismen der Gattung Lichenothelia, die mit einer Art äußerst dünner, fast nicht identifizierbarer Bioplastik die einst lebenden Organismen überzogen. Es lag auf der Hand, daß solche Überlagerungen jeden C 14-Test verfälschen würden. Einer der Wissenschaftler aus der erwähnten Gruppe, Leoncio Garza Valdes, erfuhr, daß Riggi di Numana über einige weitere Stoffreste des Grabtuches verfügte. Der Techniker der STURP wurde nach Texas eingeladen. Das Ergebnis des Stoffrest-Experiments war sensationell. Die Texaner haben an den Stoffresten des Turiner Tuches tatsächlich Spuren von Kontaminationen durch Lichenothelia entdeckt. Die Datierung des Leichentuches wurde damit in Frage gestellt.
Am 5. September 1995 erklärte Kardinal Giovanni Saldarini, Nachfolger Ballestreros: "Es sind Berichte über Experimente mit Stoffresten des Turiner Grabtuches im Umlauf, mit der Zielsetzung, die Ergebnisse der Untersuchungen mit der C 14 Methode vom 21. April 1988 zu verifizieren. Ich möchte klarstellen, daß keinerlei neue Untersuchungen des Materials nach dem 21. April 1988 stattfand. Es ist uns auch nicht bekannt, daß sich entsprechendes Material in Händen von Dritten befände. Sollte solches Material vorhanden sein, erinnern wir daran, daß der Heilige Stuhl niemandem eine entsprechende Erlaubnis zur Benutzung solcher Materialien erteilt hatte, und bitten die Betreffenden um die Rückerstattung dieser Stoffteile. Da es keinerlei Sicherheit über die Stoffreste gibt, an denen die erwähnten Experimente durchgeführt wurden, erklärt der Heilige Stuhl und das hiesige Wächteramt, daß sie den Ergebnissen der erwähnten Experimente keinerlei seriösen Wert zumessen können."
Der "Krimi" geht weiter
Doch die "Carbonisten", vor allem Henry Gove, konnte das nicht beruhigen. Wenn es derlei Kontaminationen mit den genannten Mikroorganismen tatsächlich gebe, so Gove, müßten auch Mumien entsprechende Spuren aufweisen. Ein Test mit einer Mumie aus dem Museum von Manchester sorgte tatsächlich für eine neuerliche Überraschung. Die Verbände waren übersät mit Lichenothelia und ließen die Mumie um 400 bis 600 Jahre jünger erscheinen. Das Team aus Texas, Gove und die Direktorin des Museums von Manchester haben ihre Erkenntnisse im Vorjahr veröffentlicht. Haben sich die drei Carbon-Experten also geirrt? - fragte die italienische Wochenzeitung "famiglia cristiana". Henry Goves Antwort: "Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Ich möchte lediglich klarstellen, daß ich an ägyptischen Funden Untersuchungen durchgeführt habe und ich muß sagen, daß es eine Art Kontamination gibt, die ich früher nicht in Betracht gezogen habe. Ich kann nur resümieren, daß noch viele Untersuchungen nötig sein werden."
Der Krimi um das mysteriöse Leichentuch geht also weiter.
|
Homepage Kirche Intern |
Diese Seite wurde erstellt von Marcus Marschalek am 1. Mai 1998