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30. August 1996. Der Raum des Pastoral-Centers der Erzdiözese Chikago war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Ankündigung einer "sehr wichtigen" Pressekonferenz Kardinal Bernardins hatte alles auf die Beine gebracht, was im entferntesten mit Kirche und Medien zu tun hat. Und man ahnte bereits, worum es in dieser "sehr persönlichen Angelegenheit" gehen werde - um seine Krebserkrankung, die neuerlich ein böses Lebenszeichen von sich gegeben hatte.
Im Juni 1995, zu jener Zeit, als Bernardin zum erstenmal verlautete, an Pankreaskrebs zu leiden, mußten sich auch 27.000 andere Amerikaner mit der gleichen Diagnose abfinden. Heute leben 80 Prozent von ihnen nicht mehr.
Der Kardinal blickte mit einem leicht melancholischen Lächeln
in den überfüllten Raum des Pastoral-Centers und meinte:
"Das nächste Mal werden wir das United Center benützen
müssen."
Als Bernardin 1982 Erzbischof von Chicago wurde, war er an die 110 Kilo schwer. Im August, mit 68 Jahren, wog er 78 Kilo. Aber seine Stimme war immer noch kräftig, und seine Laune in Ordnung. "Ja, ich bin erschrocken", schilderte er seine Gefühle, als ihm sein Arzt, Dr. Ellen Gaynor, mitteilte, daß der Krebs seinen Körper erneut befallen hat. Seine Lebenserwartung: 12 Monate. Es sollten nur drei werden. Fünf Geschwüre waren innerhalb von drei Monaten auf seiner Leber gewachsen. Und er malte ein Bild von jemandem, der um zwei Uhr morgens in seinem Bett liegt, wach, alleine, mit beinahe unerträglichen Schmerzen. Seine offenen Worte bewirkten, daß einige Frauen weinend aufsprangen und zu ihm rannten - nicht um ihm ehrerbietig den Ring zu küssen, sondern um ihn zu umarmen.
Seine Aussage schockierte auch jene, die schon einige Stunden vor der Konferenz von den Gerüchten über die neuerliche schwere Erkrankung des Kardinals gehört hatten. "Ich kann den Tod auf zwei Weisen betrachten, als Feind oder als Freund. Ich ziehe es vor, ihn als Freund zu sehen", erklärte er. "Ich weiß, daß Tränen fließen werden, aber ich befinde mich im Frieden."
1965 starb der Erzbischof von Chicago, Kardinal Albert Meyer, an einem Gehirntumor im Alter von 62 Jahren. 1983 verlor New York seinen Kardinal, Terence Cooke, im gleichen Alter. Er hatte den Kampf mit der Leukämie verloren. Bernardins offene Einstellung aber war einmalig. Amerikas einflußreichster Bischof kündigte seinen eigenen Tod an, für die ganze Welt zu hören. Mit seiner Offenheit setzte Bernardin ein Zeichen für seine Kollegen, von denen viele nicht einmal mit der Presse sprechen wollen.
Der Kardinal versprach, die Journalisten auf dem laufenden zu
halten. Das einzige Thema, über das er den Mantel des Schweigens
breitete, war die Frage seiner Nachfolge.
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Diese Seite wurde von Marcus Marschalek am 30. 11. 1996 erstellt.