Hom Kirche Intern SeitenendeSeitenanfang Inhalt Kirche Intern 11/96

NS-Zeit: Leben gegen Schatten

Martin Bormann, der älteste Sohn von Hitlers Reichsleiter, erinnert sich. Von BERND MARZ

Martin Bormann, 66, ältester Sohn von Hitlers Sekretär und Reichsleiter, lebt als pensionierter Lehrer in Nordrhein-Westfalen. Nach den Wirren des Krieges und der schmerzlichen Auseinandersetzung mit den Greueltaten seines Vaters trat er 1946 zur katholischen Kirche über und wurde Priester im Orden der Herz-Jesu-Missionare. Die Folgen eines schweren Verkehrsunfalls machten seine Ordensarbeit in Afrika unmöglich. Vom Vatikan von den Ordenspflichten entbunden, heiratete Bormann 1971 und arbeitete als Religionslehrer. Jetzt, 50 Jahre nach den Urteilsverkündungen der Nürnberger Prozesse, hat er unter dem Titel "Leben gegen Schatten" seine Lebensgeschichte vorgelegt. Darin zeichnet er die Belastungen seiner Jugend als Sohn eines NS-Täters nach und zeigt seinen Weg, als gläubiger Christ auf die Schuld seines Vaters zu antworten.

KI: Von welchen Schatten sprechen Sie in Ihrem Buch?

Bormann: Es ist der Schatten zweier Personen in erster Linie: der meines Vaters und mein Vater in seiner absoluten Abhängigkeit zu Adolf Hitler, der mein Taufpate gewesen ist. Adolf Hitler war ja auch der Trauzeuge bei der Eheschließung meiner Eltern. Ich würde "Schatten" als Plural verstehen und meine dann damit die Menschen, die im Dritten Reich unser Leben als Schatten begleitet haben.

KI: Bei Kriegsende waren Sie 15 Jahre alt. Ihr bisheriges Leben hatten Sie auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden verbracht. Ihrem Vater war die Rolle des Bauherrn auf dem "Berg des Führers" zugewachsen, er war ein vielbeschäftigter Mann, den die Familie nur selten zu Gesicht bekam. Auf dem Obersalzberg gingen die Großen der Welt ein und aus, hier hielt der Führer Hof. Dann kam das Ende der Schreckensherrschaft, für Sie der Zusammenbruch einer ganzen Welt.

Bormann: Ich wurde mit einem Kameraden, der sich uns angeschlossen hat, vom letzten Verbindungsmann der Parteikanzlei mitgenommen zum Quartier der Reste der Parteikanzlei nach Jenbach in Tirol. Da haben wir dann in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai gehört, der Führer ist im Kreis seiner Getreuen gefallen. Das war so etwas Ähnliches wie ein Weltende für uns. Ich dachte an den Vater, ich hielt ihn genauso für in Berlin gefallen. Die offizielle Formulierung lautete ja "im Kreise seiner Getreuen" - da gehörte der Vater dazu. Und in der nächsten dreiviertel Stunde haben sich acht Leute erschossen. Und der Kamerad und ich, wir waren auch nahe daran. Wir sind hinaus gegangen, haben miteinander geheult und uns gegenseitig daran gehindert. Dann hat Gott sei dank der Chef dieses kleinen Häufleins am frühen Morgen um vier Uhr uns antreten lassen und gesagt: Leute, wer jetzt kneift, wer jetzt ausweicht ins Sterben, ist ein Feigling. Ihr müßt daran denken, daß eure Frauen und Kinder und eure Bräute auf euch warten. Das Leben geht weiter, die Kirschen werden wieder blühen, wir müssen überleben.

KI: Sie gingen dann zu Fuß auf den Obersalzberg zurück, dort trafen sie den Privatsekretär Ihres Vaters. Von ihm erfuhren Sie, daß Ihre Mutter mit den Geschwistern in Südtirol sei: unter dem Namen Bergmann. Sie sollten sich in der Landwirtschaftsschule in St. Johann im Pongau melden. Tage vergehen, bis Sie ankommen. In St. Johann fällt Ihnen ein schwarzer Mercedes aus der Führerkolonne auf. Sie dachten, die Mutter mit den Geschwistern sei zurückgekommen. Doch die Hoffnung wird enttäuscht. Mit einigen Kameraden machen Sie sich zu Fuß weiter auf den Weg. Sie werden krank. Salmonellenvergiftung. Sie sind am Ende. Bei einem Bergbauern finden Sie Zuflucht.

Bormann: Der Bauer dort, der Querleit-Vater, hat gesagt: Du bleibst bei uns. Das war das erste Licht. Und dieses Licht hat mich mein ganzes Leben weitergeführt. Da war ich plötzlich auf eine schlichte, christliche Vaterfigur gestoßen. Und das hat auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus von dieser christlichen Seite her überhaupt erst ermöglicht.

KI: Ihr Vater war ein Christenhasser. In einem streng vertraulichen Rundschreiben aus dem Jahre 1941 hatte er gefordert, daß das Volk immer mehr "den Kirchen und ihren Organen, den Pfarrern, entwunden werden" müsse. Dieser feindseligen, auf Vernichtung zielenden Haltung konnten auch Sie sich nicht entziehen.

Bormann: Ein Beispiel dafür war vielleicht ein Theaterstück, das wir 1944 gespielt haben. Da hieß es: Wir dürfen gegenüber dem Kampf gegen den Weltfeind Bolschewismus nicht den Kampf gegen den Reichsfeind Nummer 1, das Christentum und die christlichen Kirchen, vergessen.

KI: Doch auf dem Bauernhof, wo Sie eine neue Heimat fanden, erfuhren Sie erstmals die Kraft eines gelebten Christentums.

Bormann: Die erste Annäherung war diese ganz selbstverständliche Aufnahme durch den Bauern in seine Familie hinein, ohne daß sie mich zu irgendetwas gedrängt hätten. Sie haben meine Antwort auf die Frage, wo ich her komme, einfach akzeptiert. Und am Samstagabend haben die Sennerinnen zusammen den Rosenkranz gebetet. Damit konnte ich natürlich überhaupt nichts anfangen. Einerseits habe ich gemerkt, die haben einen Wurzelgrund für ihr Verhalten mir gegenüber und untereinander, der mir ganz fremd war, aber der mir sehr wohl getan hat. Und auf der anderen Seite, die theoretische Bewältigung fehlte also noch völlig, erfuhr ich, wie tolerant die waren. Ich habe ja nicht gesagt, ich sei gottgläubig, das war damals der offizielle Ausdruck für konfessionslos, sondern ich habe gesagt, ich sei evangelisch. Dann haben die mir aus Lofer aus der evangelischen Gemeinde eine Einladung und das Gottesdienstprogramm gebracht. Das war ihnen ganz selbstverständlich. Als ich ihnen gesagt habe, ich würde keinen Wert darauf legen, haben sie das einfach schweigend hingenommen. Sie haben mich einfach so genommen wie ich mich gab und haben mich so akzeptiert.

KI: Dieses Vorbild hat Sie so beeindruckt, daß Sie schließlich katholisch wurden?

Bormann: Vor Weihnachten 1946 war Volksmission in Weisbach. Da bin ich nie hingegangen. Aber eines Tages brachte mir meine Sennerin ein Heft vom Schriftenstand mit. Die Schrift hieß: "Gerettet - verloren". Und da ging es um die Problematik, die mich brennend beschäftigt hat im Hinblick auf meinen Vater. Mir waren inzwischen all die furchtbaren Dinge während des Dritten Reiches bekannt geworden. Das erste, was ich gesehen hatte in den "Salzburger Nachrichten", die der Querleitner vom ersten Erscheinungstag nach dem Zweiten Weltkrieg abonniert hatte, war eine Dokumentation über den Nürnberger Prozeß. Ich hörte, daß der Vater in Abwesenheit angeklagt worden ist. Das hat mich verfolgt. Diese Fotos beispielsweise von Bergen-Belsen, wo die Leichen gestapelt waren. Es ging in dem Heft von Pfarrer Singer um die Frage: Gibt es Vergebung, wenn ja, unter welchen Bedingungen? Und die Antwort war einfach, es war ja ein Volksbrief, man kann keinem Menschen die Möglichkeit der Vergebung absprechen, denn es kommt darauf an, wie ein Mensch gestorben ist, das war dann auch mit Bibelstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament belegt. Also jeder, auch die schlimmsten Verbrecher, haben die Chance, angesichts des Todes sich Gott zu Füßen zu werfen und um Vergebung zu bitten. Das war doch ein massiver Aufhänger von Trost.

KI: Deshalb wurden Sie katholisch?

Bormann: Also der tiefste Beweggrund war, daß ich diese Erlösung weitergeben wollte. Ein zweiter Aspekt war, daß durch meine Fürbitte und mein Leben dem Vater die Vergebung ermöglicht werde. Dieser Gedanke des Mitsühnens mit dem Leiden Christi hat sicher eine Rolle gespielt. Obwohl das mehr und mehr zurückgetreten ist, denn in Wirklichkeit kann man zu dem Sühneopfer Christi und zu dem Sühneleiden seines Volkes gerade im Dritten Reich nichts hinzufügen. Erlösung geschieht als freies Geschenk Gottes. Ich habe einmal die Formulierung gebraucht: Das Leben ist stärker als alle Schatten und der liebe Gott ist stärker als alles, was Menschen gegen seine Liebe tun können.

Homepage Kirche Intern SeitenendeSeitenanfang

Diese Seite wurde erstellt von Marcus Marschalek am 1. November 1996