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Das "Werk": Die Nachbarn des Herrn Nuntius

Eine in der Seelsorge und in den Schlüsselpositionen der katholischen Kirche immer mehr an Einfluß gewinnende Gruppierung, die sich das "Werk" nennt, löst heftige Diskussionen aus. Eine KIRCHE INTERN-Recherche von BURGI KREBS

Gespenstische Szenen spielen sich jeden Sonntag im Bregenzer Kloster Thalbach ab. In aller Herrgottsfrühe finden sich die Mitglieder der katholischen Gemeinschaft das "Werk" im Kreuzgang ein. In Zweierreihen nehmen sie vor einem großen Holzkreuz Aufstellung. Es ist stockdunkel, nur zwei Kerzen brennen. Die Schwestern haben weiße Chormäntel mit langen Schleiern umgehängt. Auf ihren Köpfen tragen sie weiße Dornenkronen. Hinter den Frauen versammeln sich die Brüder. Nach einer gemeinsamen Verbeugung vor dem Kreuz zieht die Schar langsam los. Der Weg führt in der Dunkelheit zur Klosterkirche. Eine Glocke läutet. Wortlos knien sich die Ordensleute auf den Kirchenbänken nieder. Nach Minuten des Schweigens singen sie die Laudes. Eine Fürbitte gilt der 86jährigen Belgierin Julia Verhaeghe, der Gründerin der Bewegung. Bereits vor sechs Jahren lag sie im Sterben. Nun wird wieder einmal für ihr Seelenheil gebetet. In der Kirche, in der Höhe des Chors, befindet sich schon die Marmorplatte ihrer Grabstätte.

An der Gemeinschaft das "Werk" scheiden sich die Geister. Während sie von manchen als gefährliche Sekte innerhalb der katholischen Kirche gesehen wird, beurteilen sie andere als harmlose Schar von Traditionalisten, die die Zeit bis vor das Zweite Vatikanische Konzil zurückdrehen wollen.

Kirchenrechtlich gesehen ist das "Werk" weder ein Orden noch eine Kongregation, es hat den niedrigen Status einer "pia unio", einer frommen Gemeinschaft, die von wenigen Diözesen anerkannt wurde. Derzeit zählt die Bewegung rund 250 Schwestern, 100 Priester, einige Bischöfe und eine unbekannte Zahl von Laien. Die Mitglieder wirken in über 20 Häusern in Europa, Afrika und Jerusalem. Ihr Zentrum ist das Kloster Thalbach in Bregenz.

Ähnlich wie das "Opus Dei" hat das "Werk" Kontakte zu höchsten kirchlichen Kreisen. Seine Mitglieder machen meist steile Karrieren. Eine Schwester arbeitet beim Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger. Spöttisch wird sie "Ratzingers Vorzimmerdame" genannt. Hermann Geißler wurde nach nur dreijähriger Kaplanstätigkeit in Bregenz ebenfalls in den Vatikan berufen. Maria Katharina Strolz, Verhaeghes designierte Nachfolgerin, frühstückt gerne beim Papst. Und der Tiroler Peter Willi, Chef der Priesterabteilung, gilt als heißer Kandidat für die Nachfolge von Innsbrucks Bischof Reinhold Stecher. In Budapest sind "Werk"-Schwestern in der Nuntiatur tätig. Auch in Österreich schätzt der Nuntius, Erzbischof Donato Squicciarini, die Bewegung. Seiner Ansicht nach gehört Verhaeghe zu jener Schar von Gründerinnen, die "die Kirche in unserer Zeit bereichern". Kein Wunder, daß sich die "Werk"-Niederlassung in Wien ausgerechnet im Nebengebäude der Nuntiatur befindet. Die Schwestern der umstrittenen Gemeinschaft arbeiten dort in der Botschaft des Vatikans bei den Vereinten Nationen.

Was ist die Aufgabe des "Werks"? Welche Absichten verfolgt die Organisation? Kein Außenstehender kann diese Fragen beantworten. In der Geschichte entstanden Ordensgemeinschaften und Erneuerungsbewegungen als Antwort auf die Nöte und pastoralen Bedürfnisse der jeweiligen Zeit. Beim "Werk" ist dagegen kein konkretes Ziel zu erkennen. In einem der farbigen Handzetteln, die in Thalbach aufliegen, heißt es nur: "Der Auftrag des 'Werks' besteht darin, eine 'Familie Gottes zu sein, die die erlösende Gegenwart des Herrn ausstrahlt' und so zu einem Abglanz des Geheimnisses der Kirche als Mystischer Leib wird." Soweit so schön. Doch worin unterscheidet sich ein solcher Auftrag von dem eines jeden Christen? Die Schwestern und Brüder des "Werks" arbeiten in Schulen, in der Altenpflege, in Universitäten, in Krankenhäusern und in vielen anderen Berufen. Eine Leitlinie oder ein Ziel ist bei ihren Einsätzen nicht erkennbar.

Dubios ist auch die Situation der Gründung. Die Wiege der Gemeinschaft steht im belgischen Flandern. Dort wurde Julia Verhaeghe im Jahr 1910 in dem kleinen Ort Geluwe geboren. Sie stammte aus einer armen Familie. Nach der Schulzeit arbeitete sie als Dienstmädchen und lernte den Vikar Arthur Hillewaere, den Prototyp eines klerikalen, strengen und sehr ehrgeizigen Priesters, kennen. Von Jugend auf war sie Mitglied der katholischen Arbeiterjugend (KAJ). Doch das junge Mädchen fühlte sich in dieser Bewegung nicht beheimatet. Im Jahr 1938 soll sie die erste von zahlreichen Visionen gehabt haben. Demnach habe Gott sie beauftragt, die Kirche vor dem Untergang zu retten. Dazu gründete sie 1946 zusammen mit Hillewaere eine Schwesterngemeinschaft, die sie Paulusheim taufte. 1954 bekam die Gruppe den Namen Opus Christi Regis, zu deutsch Christkönigswerk, später einfach als "Werk" abgekürzt. Verhaeghe dazu: "Die Kirche ist vom Kommunismus bedroht. Die Kirche wird zusammenbrechen. Wir, die kleine Truppe des Werks, sind die einzigen, die in den Katakomben das Ende der katholischen Kirche überleben werden. Denn wir sind von Christus, dem König erwählt, und wir sind es, weil wir rein sind. Die Verderbnis in der Kirche ist groß." Immer mehr Menschen schlossen sich der obskuren Bewegung an. Neben der Schwesternorganisation entstand später auch eine Gemeinschaft von Brüdern und Priestern. Seit kurzem hat das Werk sogar ein eigenes Priesterseminar in Rom, das Collegium Paulinum.

In allen Häusern hängen riesige Bilder der Gründerin. Sie ist dort überall präsent. Verhaeghe wird von ihren Anhängern liebevoll "Mutter" genannt und bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrt. Ende 1995, aus Anlaß der Schließung des Zentrums in Remouchamps schrieben die Schwestern: "Möge das Bild und das Gebet unserer Mutter Gründerin, das wir diesem Brief beilegen, Ihnen ein Licht und eine Stärkung sein, jeden Tag." Der geistige Beirat und Vize-Rektor des "Werks", Pater Philip Boyce, geht in den Konstitutionen der Priestergemeinschaft noch weiter. In der Nummer 125 heißt es: "Als Mutter Gründerin das Elternhaus am 16. Juli 1941 verließ, tat sie damit etwas, das an Abraham erinnert, als er das Vaterhaus verließ, um sich im Glauben auf den Weg zu machen. Sie gab alle menschlichen Sicherheiten dieser Welt auf, allein, ohne Bildung, bei schlechter Gesundheit, ohne Arbeit und Geld und ohne das Ziel ihres Weges zu kennen. Das einzige, was sie hatte, war ihr Gottesglaube und das Vertrauen in die Vorsehung. Sie glaubte fest, daß 'Er treu zu seinem Bund stehen würde'." Wohl nie in der Kirchengeschichte wurde ein Christ zu Lebzeiten auf eine solche selbstherrliche Weise mit Abraham, dem Vater des Glaubens, verglichen.

Der maßlos übertriebene und durch das Kirchenrecht nicht gedeckte Kult um Verhaeghe läßt bei vielen Christen die Alarmglocken läuten. Auch sonst weist das "Werk" viele Merkmale einer klassischen Sekte auf. Zu diesem Urteil kommt Rik Devillé, Priester und Autor des im September in Belgien verlegten Buches "Het Werk. Een katholieke Sekte".


"Der einzige Unterschied zu anderen Sekten besteht darin, daß diese Gemeinschaft innerhalb der Kirche existiert und hier auch bleiben will. Sie führt dort praktisch ein Parasitendasein", bringt er die Aktivitäten des "Werks" auf den Punkt. Das Erscheinen des Buches löste in den großen Tages- und Wochenzeitungen Hollands und Belgiens eine Welle von Artikeln aus. Vor allem im "Limburger Tagblatt", in dessen Verbreitungsgebiet sich einige Zentren des "Werks" befinden, berichteten ehemalige Mitglieder von haarsträubenden Dingen. Alle betonen: Einmal in der Gemeinschaft, besiegelt mit dem sogenannten "Heiligen Bündnis", wird eigenständiges Denken fast unmöglich. Die Leitung übte absolute Kontrolle über sie aus. "Von außen her schaut alles christlich und korrekt aus. Das ist auch der Grund, warum die Bewegung sich schon so lange behaupten kann und noch immer junge idealistische Leute anzieht", bedauert Rik Achten, Pfarrer in Esloo. Der Priester Johan Heylen war jahrzehntelang Mitglied. Er berichtet, daß ständig neue Leute zum Klosterbesuch angeheuert werden: "Ohne es mitzubekommen, wird man kontinuierlich erprobt. Ist man als geeignet befunden worden, dann wird allmählich an den Stricken gezogen." Heylen über die Geheimhaltung: "Die 'böse Welt' darf nichts über die Gemeinschaft erfahren. Deswegen kommuniziert die Führung in einer Geheimsprache. Die Mitglieder üben die Pflicht der Geheimhaltung. Man redet nicht mit Fremden über die Führung des eigenen Haushaltes. Die Beziehungen zur Familie und zu den Freunden werden aufgelöst. Nur noch in Ausnahmefällen und in Begleitung ist eine Begegnung gestattet." Diese bittere Erfahrung machte die 34jährige Belgierin Hester Timmermans. Sie kam vor neun Jahren auf Einladung ihrer leiblichen Schwester zum "Werk". Dort fühlte sie sich bald wie zuhause. Die Ordensschwestern boten ihr sofort die Freundschaft an und erzählten von ihrem Leben. Daraufhin öffnete sich auch Hester. Sie begann, von sich, ihrer Familie und ihren persönlichen Problemen zu reden. Erst später erkannte sie, daß die Freundlichkeiten nur als Vorwand dienten, um möglichst viel von ihr zu erfahren. Trotz des Vertrauensverhältnisses zögerte Hester, in das "Werk" einzutreten. Nach langem Überlegen teilte sie einem Priester der Gemeinschaft mit, daß sie keine Nonne werden möchte. Der Priester schien dies nicht zu akzeptieren. Er redete solange auf sie ein, bis sie erschöpft auf alle Gegenargumente verzichtete. Er lud sie ein, für längere Zeit nach Thalbach zu fahren. Dort sollte sie noch einmal über ihren künftigen Lebensweg nachdenken. Hester willigte ein. Sie fuhr nach Bregenz und wurde Ordensfrau. Der 22jährige Patrick Groothues hielt sich einige Jahre in Thalbach auf und weiß über die dortigen Methoden genau Bescheid: "Jeder Brief und jede Postkarte, die ich bekam, wurden kontrolliert." Außerdem mußte er täglich über seine Aktivitäten und sogar über seine Gedanken Berichte verfassen. Der niederländische Priester Lambert Creemers, der ebenfalls lange Zeit im Bannkreis der Bewegung war: "Sogar die Beichte wird dazu benutzt, die einzelnen Mitglieder auszuhorchen. Später werden dann die Geheimnisse als Druckmittel gegen Abtrünnige verwendet."


Der Sprecher des "Werks" in Belgien, Dekan Theo van Galen, bezeichnete alle Anschuldigungen als "äußerst gefärbt, einseitig und teils erdacht". Auf deren Inhalt ging er nicht ein. Der Generalvikar der Diözese Gent, Willem de Smet, ist über die Aktivitäten der Gemeinschaft in seinem Bistum mehr als beunruhigt. Gegenüber KIRCHE INTERN betonte er, daß seit Jahren ernste Anklagen von Ex-Mitgliedern des Werks geäußert werden. "Diese Anklagen werden immer dringlicher. Man soll sie ernst nehmen." De Smet fordert daher, daß die Vorwürfe von der Kirche untersucht werden: "Wenn mit dem 'Werk' alles in Ordnung ist, braucht es nichts zu befürchten."

Nachdem sich die Beschwerden ehemaliger Mitglieder, die mit ihrem vollen Namen zeichneten, über das "Werk" häuften, schrieb das Ordinariat Gent im Juni 1993 einen Brief an die "Werks"-Leitung in Bregenz, in dem die Vorwürfe dargelegt und darauf hingewiesen wurde, daß diese Ex-Mitglieder eine kirchliche Untersuchung wünschten. Würde das nicht stattfinden, drohe ein Gang in die Öffentlichkeit, der für alle Beteiligten, vor allem aber für die Kirche, bedauerlich sein könnte. Der Brief wurde nie beantwortet, statt dessen löste das "Werk" seinen Sitz in der Diözese Gent ohne jedwede Meldung an das Ordinariat sang- und klanglos auf. Auch in Remouchamps, Diözese Lüttich, schloß das "Werk" seine Pforten.

Der Vorarlberger Bischof Klaus Küng sieht die Sache anders. In einer offiziellen Stellungnahme unterstrich er: "Die Mitglieder der Gemeinschaft, die ich kenne, machen auf mich keineswegs den Eindruck, als ob sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden wären. Ich freue mich über ihren vielfältigen Einsatz in der Diözese. Ohne die Gemeinschaft wäre unsere Diözese um ein Stück ärmer." Küngs massive Unterstützung für das "Werk" verwundert nicht. Schließlich war er vor seiner Bischofsernennung Verantwortlicher des "Opus Dei" in Österreich. Das "Werk" und "Opus Dei" sind sich in ihrem fundamentalistischen Gedankengut und blinden Gehorsam ähnlich. So schrieb "Opus Dei"-Gründer Escrivá de Belaguer: "Mit meiner Bewegung werde ich verwirklichen, was Christus von mir will. Ich brauche also Soldaten, Untergebene, die genau ausführen, was ich verwirklichen will. Gehorchen, wie bei der Armee."

Das "Werk" hat Vorarlberg systematisch unterwandert. Von den zehn Priestern, die dort in den letzten Jahren geweiht wurden, waren sechs Mitglieder von Verhaeghes Truppe. Die Aktivitäten in Österreichs westlichster Diözese gehen auf Maria Katharina (auch "Mikle" genannt) Strolz zurück. Die 1938 in Schoppenau geborene Frau arbeitete sich als Verhaeghes Nachfolgerin hoch und brachte einen Teil ihrer Verwandten in den Führungsgremien unter. Ihre Nichte Christine Felder sitzt im Rat der Schwesterngemeinschaft. Ihre beiden Neffen Alois und Thomas Felder sind im Priesterrat des "Werks", dem auch der deutsche Dogmatiker Scheffczyck angehört. Strolz ist die gesamte Ausbreitung in Vorarlberg zu verdanken. Erster Stützpunkt war zunächst eine Bregenzer Wohnung, die dem prominenten Nationalratsabgeordneten und ÖVP-Sozialsprecher Gottfried Feuerstein gehörte. Im Jahre 1983 änderte sich die Situation. Mit allen nur erdenklichen Mitteln gelang es Schwestern des "Werks", das Kloster Thalbach, eine der alten Klostergründungen im Bodenseeraum, zu übernehmen. Fast zwei Jahrhunderte lebten dort Dominikanerinnen. Wegen Nachwuchsmangels mußten sie schweren Herzens ihre Niederlassung aufgeben. Das "Werk" hatte schon lange ein Auge auf das riesige Areal, das neben dem Gebäude auch einen landwirtschaftlichen Betrieb und einen Wald umfaßt, geworfen. Unter massiver Einwirkung des Bischofs gaben die Dominikanerinnen nach. In einem "Schenkungsvertrag" traten sie den Besitz von geschätzten 350 Millionen Schilling an das "Werk" ab. Rein rechtlich war alles in Ordnung, doch die Methoden der Abwicklung lassen an den christlichen Eigenschaften der neuen Eigentümer zweifeln. Weil sich die Dominikanerin Bernarda Ammann gegen die Übergabe wehrte und den Vertrag nicht unterschrieb, mußte sie das Kloster verlassen. Als sie ihre persönlichen Sachen abholen wollte, stand sie vor verschlossenen Türen. "Es war ein Krimi", beschreibt eine Beobachterin die damaligen Ereignisse.


Von ihrem Stützpunkt in Thalbach sind Mitglieder des "Werks" in ganz Vorarlberg aktiv. In Lauterach und im Sozialsprengel "Vorderwald" betreuen sie pflegebedürftige Menschen. In Au arbeiten sie im Kleinkrankenhaus "St. Josef" und in Hittisau leiten sie ein Seniorenheim. Am Hirschberg hinter dem Pfänder, einem beliebten Bregenzer Touristenziel, führen sie die Jausenstation. In Österreich hat das "Werk" noch jeweils zwei Niederlassungen in Innsbruck und in Wien. In Deutschland operieren die Mitglieder von München aus.

Das pastorale Engagement einiger ihrer Priester löste bereits heftige Wirbel aus. Im Pfarrblatt von Dornbirn-Rohrbach berichtet "Werk"-Kaplan Josef Gruber Ungeheuerliches. Er schildert einen Pfarrausflug mit Kindern vor dem Gebeinhaus einer alten Klosterkirche: "Die Gebeine lagen geordnet beisammen, und die leeren Augen der Totenköpfe starrten uns an. Um den Toten gleichsam eine Stimme zu geben, las ich langsam ihre Botschaft vor, die auf der Tafel in der Mitte stand: 'Wir waren einst, was ihr jetzt seid. Ihr werdet bald, was wir jetzt sind.'" Der Kaplan lehrt die Kinder dann, was sie nach dem Tod erwartet: Himmel, Fegefeuer und Hölle. Er droht ihnen und den Lesern des Pfarrblatts: "Wer aber selbst im Sterben die letzte Gnade der Liebe Gottes abweist, reuelos und in Todsünde aus dieser Welt geht, der ist auf ewig verloren, er gelangt in die Hölle." Christus selbst werde folgendes Urteil sprechen: "Weg von mir ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist."

Gruber sorgte mit einer weiteren Aktion für Empörung. Die Eltern von Erstkommunikanten beschwerten sich beim Schulamt der Diözese Feldkirch. In dem Brief äußerten sie sich besorgt über ein langes Sündenregister, das der Kaplan den Kindern als Gewissenserforschung zur Beichte vorgelegt hatte. "Wir verwehren uns dagegen, daß mit diesem Sündenregister, dessen Inhalt und Formulierung nicht nur von uns, sondern auch von befragten Religionspädagogen entschieden abgelehnt wird, unseren Kindern ein schlechtes Gewissen eingeredet und Angst vor einem strafenden Gott gemacht wird." Obwohl der Kaplan für ihr Anliegen wenig Verständnis zeigte, betonten die Eltern ausdrücklich, daß sie ihn mit dem Schreiben nicht schaden möchten: "Vielmehr wollen wir unsere Kinder und die Kirche vor Schaden bewahren."

Innerkirchlich wurde das "Werk" vor allem durch die Verehrung von Kardinal Henry Neman bekannt. Dieser lebte im 19. Jahrhundert. Als anglikanischer Theologe konvertierte er zum Katholizismus und wurde Kardinal. Verhaeghe las zwanzig Jahre nach Gründung ihrer Gemeinschaft einige seiner Schriften. Sie war davon begeistert und gab den Mitgliedern den Auftrag, sich verstärkt mit dem Wirken des Kardinals zu beschäftigen. 1975 führte das "Werk" in Rom ein internationales Newman-Symposium durch. In Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten entstand später in der Via Aurelia, wenige Gehminuten vom Vatikan entfernt, eine große Newman-Spezialbibliothek. Interessierte finden hier alle Publikationen des englischen Kardinals und eine reiche Auswahl von Sekundär-Literatur. Ableger der Bibliothek befinden sich in Thalbach und in Jerusalem. 1987 verbuchte das "Werk" einen weiteren Erfolg. Damals übertrug man der Gemeinschaft die Verantwortung für das berühmte Newman-College in Littlemore bei Oxford. An diesem Ort wurde Newman nach Jahren intensiven Studiums und Gebets in die katholische Kirche aufgenommen.


Doch was hat die enge fundamentalistische Spiritualität des "Werks" mit dem weltoffenen Gedankengut von Newman zu tun? Wie kann Verhaeghe mit ihren angeblichen göttlichen Visionen den Ausspruch des englischen Kardinals, das Gewissen komme vor dem Papst, akzeptieren? Für den belgischen Buchautor und katholischen Priester Rik Devillé ist die Antwort völlig klar: Bei der Verehrung von Newman handelte es sich "um einen taktischen Schritt, durch den man sich in der Kirche Geltung verschaffen kann. Die so idealistischen Anfänge machen niedereren Instinkten Platz, z.B. der Machtgier. Ohne die Dialektik der Macht ist das 'Werk' in seiner gegenwärtigen Form nicht mehr zu verstehen."

Im Gespräch mit KIRCHE INTERN betont Devillé: "Es ist höchst wichtig, daß in Österreich über das 'Werk' informiert wird, denn Österreich und Osteuropa sind heute das Hauptwirkungsfeld dieser Organisation. Seit man in Belgien zu berichten beginnt, was sich hinter den Mauern des 'Werks' abspielt, brechen sie die Zelte ab und gehen anderswohin."

Anfang November hat eine Kommission des belgischen Parlaments fünf Ex-Mitglieder angehört. Wie belgische Medien berichten, ist ein Gerichtsverfahren gegen das "Werk" auf Grund der Zeugenaussagen nicht auszuschließen.
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Diese Seite wurde von Marcus Marschalek am 30. 11. 1996 erstellt.