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Vor 500 Jahren, im Mai 1498, wurde der Dominikanermönch Girolamo Savonarola in Florenz auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Für KIRCHE INTERN analysiert der bekannte Bamberger Kirchenhistoriker, DR. GEORG DENZLER, die Hintergründe.
Er kann in jeder Ketzergeschichte stehen: Papst Alexander VI. hat ihn 1497 als Häretiker verurteilt. In einer Heiligengeschichte darf er nicht stehen, weil noch kein Papst gewagt hat, ihn zu rehabilitieren, obwohl es an Anstößen dazu nicht fehlt. In der Tat: Wenige Gestalten der Kirchengeschichte sind bis heute so umstritten wie der Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452-1498). Giorgio la Pira, damals Bürgermeister von Florenz, ermunterte den Dominikanerorden im Jahre 1952, Savonarolas Seligsprechung zu betreiben. Jetzt werden erneut Anstrengungen unternommen, um den früheren Prior von San Marco zur Ehre der Altäre erheben zu lassen.
Wer war Savonarola? Ein Ketzer, sagen die einen; ein Prophet, meinen die anderen. Mit Sicherheit war er ein Fanatiker oder - emotionslos ausgedrückt - ein Mann, der bei allem, was er dachte und tat, auf's Ganze gegangen ist. Dies ist vielleicht auch der tiefste Grund dafür, daß sein Bild zwischen Verehrung und Verachtung hin schwankt.
"Unzucht, Ehebrüche, Räubereien"
Savonarola wurde 1452 in Ferrara geboren. Er studierte Philosophie, wandte sich aber bald dem Studium der Medizin zu, um, wie sein Großvater Arzt zu werden. Doch mit 22 Jahren verließ er über Nacht heimlich das Elternhaus, zog nach Bologna und bat um Aufnahme bei den dortigen Dominikanern. Kurz zuvor hatte er kleinere Schriften über "das Verderben der Welt" und über "das Verderben der Kirche" verfaßt. Im Abschiedsbrief an seinen Vater nennt er eine Reihe von Gründen für seinen Eintritt in das Kloster: "Das entsetzliche Elend der Welt, die Bosheit der Menschen, die Unzucht, die Ehebrüche, Räubereien, den Hochmut, Götzendienst und die rohen Gotteslästerungen." Demgegenüber betont er die feste Absicht, "wie ein vernünftiges Wesen zu leben und nicht wie ein Tier unter Schweinen".
Ordensmann und
Volksführer
Einige Jahre später wechselte Savonarola in das Koster zu Ferrara über. Dort wirkte er als Novizenmeister und hielt Bußpredigten in der Öffentlichkeit, allerdings mit geringem Erfolg. Nach längeren Aufenthalten in den Klöstern seines Ordens in Florenz und abermals in Bologna wurde der inzwischen weithin bekannte Mönch 1490 von Herzog Lorenzo de Medici nach Florenz zurückgerufen. Neben der Lehrtätigkeit im Kloster San Marco, dem er als Prior vorstand, machte Girolamo - ihm lag die allgemeine Reform der Kirche am Herzen - mit Mahn- und Drohpredigten von sich reden. Savonarolas Leben nahm eine entscheidende Wende, als er sich in das Spiel der politischen Mächte einließ und den Stadtstaat Florenz zu einem Gottesstaat oder nach der Devise "Christus, König von Florenz!" zu einem Christusstaat machen wollte. Sonntag für Sonntag strömten Tausende zu seinen Predigten in den Florenzer Dom. Zum Schicksal wurde Savonarola, daß er die vom Papst und von Venedig angeführte Liga gegen Frankreich ablehnte und den auf die Rückeroberung des Königsreichs Neapel gerichteten Italienzug des französischen Königs Karl VIII. unterstützte. Er sah in Karl VIII. einen neuen Kyros, der Florenz, Rom und ganz Italien von der Tyrannei der päpstlichen Kurie befreien werde. In der Tat trug Savonarola auf diese Weise entscheidend dazu bei, daß die Herrschaft der Medici in Florenz zu Ende ging. Der französische König war kaum abgezogen, als auch schon bei einer Volksversammlung Einzelheiten für eine Neuordnung des staatlichen und kirchlichen Lebens beschlossen wurden. Der Ordensmann und "Volksführer" Savonarola predigte jetzt täglich im Dom und gewann als Verkünder einer neuen Weltstunde wachsendes Ansehen. Der Stadt am Arno verhieß er vorher nie gekannten Ruhm und Reichtum, wenn alle Bürger Reue zeigten und Buße täten. Scharfe Kritik übte Savonarola am "verfluchten Laster" der Homosexualität, aber auch an lasziven Gedichten und Spielen sowie an schamlosen Frauenkleidern und verrufenen Spelunken.
So schnell wie Savonarolas Aufstieg sollte auch sein Niedergang kommen. Die Katastrophe bahnte sich an, als der leidenschaftliche Mönch mit dem aus dem spanischen Adelsgeschlecht der Borgia stammenden Alexander VI., der seit 1492 den päpstlichen Stuhl innehatte, in schweren Konflikt geriet. Der Papst hatte das höchste Amt der Kirche mit Geld erkauft und führte das Leben eines Renaissancefürsten mit Konkubinen und unehelichen Kindern, die im Papstpalast ein- und ausgingen. Keinen störte dieses unwürdige Treiben im Vatikan und in der Stadt Rom mehr als Savonarola, den Tugendwächter von Florenz. Alexander VI. suchte zunächst den eifernden Mönch für sich zu gewinnen, indem er ihm die Kardinalswürde in Aussicht stellte. Doch der für Ehren und Auszeichnungen unempfängliche Prior von San Marco ließ sich auf diese Weise nicht betören. Auch eine Einladung des Papstes nach Rom lehnte er ab, schickte aber seine "Sammlung von Offenbarungen", um dem Pontifex Maximus, den er jetzt offen der Simonie und Ketzerei beschuldigte, den Ernst der Lage vor Augen zu stellen. Mehr noch als dies aber erregten Savonarolas politische Aktivitäten, insbesondere die von ihm geförderte Verbindung des Magistrats (Signoria) von Florenz mit Frankreich, den Unwillen des Papstes, der mit einem im Jahr 1495 ausgesprochenen Predigtverbot den furchtlosen Mönch mundtot zu machen suchte. Savonarola schwieg auch einige Zeit und verfaßte dafür asketische Schriften, in denen er von den Gläubigen ein Leben der Einfachheit und Armut verlangte. Besonders dachte er dabei an die Priester und Ordensleute: "Über die Geistlichen und Priester der Kirche, welche die Laien noch viel mehr an Bescheidenheit und Einfachheit übertreffen und die Armen speisen sollten, müßte man eher weinen als irgend etwas sagen. Was sollen wir aber erst von den Ordensleuten sagen, von den Mönchen und Bettelbrüdern, die überall nicht Klöster, sondern Paläste bauen und in kostbaren Kleidern einhergehen, aus teurem Stoff und feinstem Gewebe?"
Dem luxusliebenden Klerus gab er ganz allgemein zu bedenken: "Ihr habt viele überflüssige Kelche, Meßgewänder, Kreuze und Gefäße aus Gold und Silber. Warum schmilzt man sie nicht ein und gibt das Geld den Armen? In den Zeiten unserer Väter gab es Kelche aus Holz und Priester aus Gold, heute werden die Kelche aus Gold von Priestern aus Holz benutzt." Nach einiger Zeit ignorierte Savonarola unter Berufung auf sein Gewissen das päpstliche Predigtverbot, weil er sehen mußte, wie schnell die Zügellosigkeit überhandnahm. Es war also Ungehorsam nicht aus Trotz gegenüber dem Papst, sondern aus Verantwortung für das Wohl der Kirche.
Der Papst schlägt zu
Der nicht immer richtig informierte Papst Alexander VI. sah sich bald gezwungen, den unbelehrbaren Mönch als "Häretiker, Schismatiker und Verächter des Hl. Stuhles" mit der Exkommunikation zu bestrafen. Doch Savonarola setzte trotz Predigtverbot und Kirchenbann sein bisheriges seelsorgliches Wirken fort. Im Wissen um die Aussichtslosigkeit seiner Lage forderte er von den christlichen Herrschern die Einberufung eines allgemeinen Konzils, das über die nach seiner Meinung ungültigen Maßnahmen des Papstes zu Gericht sitzen und den Papst selbst wegen Simonie und Häresie absetzen sollte. Jetzt holte der Papst zum vernichtenden Schlag aus und verlangte von der Signoria von Florenz unter Androhung des Interdikts für die ganze Republik Savonarolas Einkerkerung.
Das Ende des kompromißlos kämpfenden Savonarola rückte unaufhaltsam näher, als unter der Bevölkerung ein Stimmungsumschwung gegen ihn einsetzte, an dem die Franziskaner in Florenz nicht unschuldig waren. Zu der vorgesehenen Feuerprobe zwischen einem Franziskaner und einem Dominikaner, die als Gottesurteil gelten sollte, kam es nicht. Noch bevor der von verschiedenen Seiten in die Enge getriebene Savonarola der von der Stadtregierung verfügten Ausweisung nachkommen konnte, drang eine aufgebrachte Menschenmasse in das Kloster San Marco ein und nahm den einst hochgefeierten Mönch gefangen. Was folgte, waren Kerker, Prozeß, Folter, Geständnis, Widerruf, Todesurteil.
Am 23. Mai 1498, dem Tag vor dem Fest Christi Himmelfahrt, versammelte sich auf der Piazza della Signoria in Florenz eine unübersehbare Menschenmenge. Inmitten des Platzes ragte ein Galgen empor, von dessen Querbalken drei Stricke und drei Ketten herabhingen. Betend bestieg Savonarola mit zwei seiner Ordensbrüder das um den Stamm errichtete Gerüst, unter dem Holz aufgeschichtet war. Die drei Dominikanerpatres wurden zuerst gehenkt und dann verbrannt. Die Fluten des Arno trugen ihre Asche fort.
Wer war Savonarola wirklich? Er war gewiß kein Häretiker, auch wenn er auf dem Luther-Denkmal in Worms neben den Reformatoren Wyclif, Luther und Calvin als vierter Reformator dargestellt ist. In den Stanzen des Vatikanpalastes ist heute noch Raffaels berühmtes Gemälde "Disputá del Sacramento" zu bewundern. Der in der unteren rechten Ecke abgebildete Mann mit schwarzer Kapuze trägt unzweifelhaft Savonarolas markantes Gesichtsprofil. Als Prophet im alttestamentlichen Sinn hat sich Savonarola tatsächlich verstanden. Ob er ein Heiliger war, weiß Gott allein. Übrigens, Alexander VI. soll schon selbst die Hinrichtung bedauert ("Eure elenden Leute und Priester waren es, die mir den Frater ausgeliefert haben") und im Kreis von Kardinälen erklärt haben, er sei bereit, Savonarola in das Verzeichnis der Heiligen aufzunehmen.
Der Fanatiker
Gewiß kann man Savonarola in religiöser wie in politischer Hinsicht als einen glühenden Fanatiker einschätzen, der zu jedem Augenblick seines Lebens bereit war, für seine Überzeugung in den Tod zu gehen. Zwei Jahre vor der Hinrichtung bekannte er in einer Predigt: "Das Wort Gottes brennt mir wie Feuer im Herzen, und wenn ich ihm nicht Luft mache, so verbrennt es mir Mark und Bein im Innern."
Lebte Savonarola heute, wäre er vermutlich ein "Traditionalist" wie der französische Erzbischof Marcel Lefebvre, der zwar die Tradition der Kirche mit eiserner Strenge festhielt, aber dennoch nicht zögerte, dem Papst den Gehorsam aufzukündigen, wenn ihm dies sein Gewissen gebot, und der deshalb von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert wurde. Vielleicht wäre Savonarola aber auch ein "Fundamentalist" nach Art des spanischen Priesters Josemaria Escriva de Balaguer (gestorben 1975), des Gründers des Opus Dei, den derselbe Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen hat.
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Diese Seite wurde erstellt von Marcus Marschalek am 1. Mai 1998