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Was eine halbe Million Katholiken Österreichs im Kirchenvolksbegehren von den Bischöfen fordert, hat eine kleine Basisgemeinde im Süden Wiens bereits verwirklicht: ein verheirateter Mann bricht ihnen allmonatlich genauso das Brot beim Gottesdienst wie eine Frau, und geschwisterlich leben sie in verbindlicher Art und Weise, indem sie sich regelmäßig treffen und miteinander austauschen, was sie bewegt. Die Pfarrstrukturen haben sie bewußt überwunden.
Eine mehrteilige Vortragsreihe über "geschwisterliche Gemeinde" im Herbst 1983 von Pfarrer Paul Weß (Basisgemeinde Machstraße) war für sechs Ehepaare in Baden der letzte Anstoß, sich im Glauben und im Leben näher aufeinander einzulassen. Orientiert an Lohfinks Buch "Wie hat Jesus Gemeinde gewollt", suchten sie den damaligen Regionalvikar Bischof Florian Kuntner auf, der sie in ihren Vorstellungen ermutigte. Sie fanden jedoch in ihrer Ortspfarre kein Echo für ihre Utopie einer basisgemeindlich strukturierten Kirche.
Verbindlich sind für die mittlerweile vierzehn Mitglieder der Basisgemeinde Rauheneck - so genannt nach der Burgruine am Eingang des Helenentals - die Gemeindeabende alle zwei Wochen, reihum jeweils in einem Haus. Dabei geht es im wesentlichen um eine Vertiefung des Glaubens.
Der Ablauf dieser Abende ist strukturiert: kurzes Gebet; Blitzlichter (über die eigene Befindlichkeit); Termine, aktuelle Anliegen und Berichte; Schriftlesung mit Meditation; Hauptthema des Abends und ein Abschlußgebet. Hauptthemen waren etwa das Gemeindeverständnis, das persönliche Christusbild, Bedeutung der Sakramente, Eltern, Wertewandel, Tod, Sexualität, Beruf, Umwelt.
Einmal im Monat brechen sie miteinander das Brot und zwar im Pfarrheim von Baden-Teesdorf. "Wir sind heute zusammengekommen, um Gottesdienst zu feiern und Gottes Wort zu hören", beginnt einer von ihnen - an diesem Sonntag ein Mann aus der Werbebranche. "Jesus und die Urgemeinde haben miteinander das Brot gebrochen. Wir haben als Gemeinde unseren Weg gefunden, das nachzuvollziehen." Diese Einleitungsworte haben sich die Rauhenecker mühsam erarbeitet. Der Priester Helmut Rohrer aus Dornbirn, dessen Anliegen es ist, die Entwicklung des Basisgemeinde-Gedankens in Österreich zu fördern, gab entscheidende Impulse dazu. Rohrer war elf Jahre als Missionar in Brasilien hauptsächlich in Basisgemeinden und in der Prostituierten-Seelsorge tätig. Seit einigen Jahren begleitet er mehr als zwanzig Basisgemeinden und Basisgruppen hierzulande.
Im Gottesdienst folgen dann persönliche Bekenntnisse einiger Mitglieder der Gemeinde, ein Lied, Dank und Lobpreis und ein persönliches Glaubensbekenntnis.
Dann das Brotbrechen: eine Frau
nimmt Brot, bricht es und erinnert daran, daß Jesus das mit seinen Jüngern getan habe und daß es ein Zeichen des Teilens, "heute besonders mit den Armen in unserer Umgebung", sei. Der Teller mit dem Brot geht reihum, jeder bricht seinem Nachbarn ein Stück. Kein Anspruch von "Leib Christi", sondern ein Gedenken an das, was Jesus getan hat und seinen Jüngern aufgetragen hat.
Unser Anliegen ist es, Raum zu schaffen, in dem Wesentliches einer Gemeinde, nämlich Gemeinschaft und selbstverantwortete Kirche, entstehen und sich entwickeln kann. Unsere Gemeinschaftlichkeit gründet sich auf unseren in Grundaussagen gemeinsamen christlichen Glauben, auf verbindlich gelebte persönliche Beziehungen, auf gemeinsame religiöse und soziale Aktivitäten sowie Freizeit-Unternehmungen." So formulieren die Rauhenecker es im "Versuch einer Selbstdarstellung" aus dem Jahre 1996.
Die Rauhenecker sind seit einigen Jahren auch im Verein "Austria pro Romania" engagiert. Friedl Beck, Internist und "Rauhenecker", ist Obmann des Vereins, in dem Frauen und Männer aus Ebreichsdorf und Umgebung zusammenarbeiten, um armen Menschen in Siebenbürgen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.
Szenenwechsel ins Szeklerland, Siebenbürgen, Rumänien. "Austria pro Romania" ist mit vier Kleinbussen voll Gewand, Medikamenten, Familienpaketen im vergangenen Sommer unterwegs zu den Armen in Siebenbürgen. Das Kreuz hat für die Rauhenecker einen vertikalen und einen horizontalen Balken, und aus ersten Hilfslieferungen der Basisgemeinde 1989 nach Rumänien hat sich mittlerweile ein veritabler Verein gebildet, dem auch die Badener Stadtväter ein Zwischenlager für gebrauchte Kleidung, Spielsachen und andere Hilfsgüter zur Verfügung gestellt haben. Aus den vier Bussen sind drei geworden, bis wir unser Ziel, Craciunel (ung. Homorodkarácsony, zu deutsch: Weihnachtsdorf) erreicht haben. Ein Bus hat im ungarischen Törökszentmiklós seinen Geist aufgegeben - zur Freude der dortigen Armen. Am Rande dieses einfachen Bauerndorfs mitten im Szeklerland leben einige Roma-Familien in Hütten - eine Familie mit fünf Kindern auf sechzehn Quadratmetern, das Dach mit Plastikbahnen gedeckt. Friedl Beck und seine älteste Tochter werden beim Verteilen der Pakete fast erdrückt. Ein Mädchen umarmt seinen Teddybären ganz fest, ein Bub bläst in die Plastiktrompete. Die Großmutter hortet bereits drei Familienpakete, andere strecken ihre Arme nach mehr aus. Schwarze Augen, mit Tränen der Freude und Dankbarkeit erfüllt - Bilder, wie man sie in Österreich wahrscheinlich zuletzt nach dem 2. Weltkrieg zu sehen bekam.
Im Weihnachtsdorf übernachten wir bei Partnerfamilien, die ebenfalls unterstützt werden. Am nächsten Tag geht's nach Okland, zu deutsch: Hochland, einem kleinen Dorf mit einem von Ceausescus berüchtigten Waisenhäusern. 140 Kinder leben in diesem Haus, schlafen in NATO-Betten aus Holland - eine friedliche, nützliche Form der Osterweiterung der NATO - und erhalten Sonderschulunterricht. Der 31jährige Leiter des Hauses, Lehel Szakács, klagt, daß es keine Psychologen, keine Logopäden, keinen Arzt für diese jungen Menschen gebe. Spielsachen und Gewand bleiben dort, die Gummi-Bälle flitzen uns um die Ohren.
Nicht weit entfernt, in Lokod, unterstützt die Basisgemeinde das Projekt einer "Jugendstiftung", die von Deutschen ins Leben gerufen wurde: junge Leute sollen veranlaßt werden, in diesem Dorf mit seinen 33 Familien und einem Altersheim zu bleiben, biologische Landwirtschaft zu betreiben, ein Handwerk auszuüben. Einige leerstehende Häuser im Dorf wurden für diesen Zweck angekauft, Grund und Boden wird bereits - mit österreichischem landwirtschaftlichen Know-how - bestellt.
Schlußpunkt der einwöchigen Fahrt ist die Bezirkshauptstadt Odorhely. Die "Mallersdorfer Schwestern" - Franziskanerinnen aus Bayern - führen hier Kindergarten und Schule.
Weiters ermöglicht der Verein "Austria pro Romania" 40 Jugendlichen Studium mit Internat in einer Technischen Lehranstalt, in der Unterricht in Tischlerei, Kunsthandwerk und Elektrotechnik geboten wird. Gleich an Ort und Stelle übernimmt Hilde, Leiterin eines Pflegeheims in Baden, die Patenschaft für Maria Tanko, 16, aus Gyimesfelsök (rumänisch: Lunca de Sus). Das Mädchen kann dank der 2.000 Schilling im Jahr in Odorhely eine Krankenpflegeschule und einen Lehrgang für medizinisch-technische Assistentinnen absolvieren.
Fortschritte hat auch der einer modernen Kathedrale ähnliche Neubau einer Unitarier-Pfarrkirche in Odorhely gemacht. "Mit einem Kleidertransport aus Baden kann ich alle Handwerker eine Woche lang bezahlen", schwärmt der junge, verheiratete Pfarrer Domonkos Rüsz, von allen Leuten kurz "Domi" gerufen. Kommendes Frühjahr möchte er die neue Kirche samt Pfarrheim und Gästezimmern einweihen. Für die Badener liegt die Unterstützung der Unitarier - eine der im 16. Jahrhundert entstandenen evangelischen Konfessionen - ganz im Sinne gelebter und praktizierter Ökumene.
Nach mehrmonatlicher Begleitung der "Ritter von Rauheneck" beeindruckt die Selbständigkeit und Mündigkeit dieser Christen.
"Wir sind Kirche", sagt Dr. Beck trocken, "so haben
wir's ja auch im Kirchenvolksbegehren unterschrieben. Und wir
sind alle Priester". Punktum.
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Diese Seite wurde von Marcus Marschalek am 30. 11. 1996 erstellt.